WissenschaftDeutschland-Fokus15 min Lesezeit17. Februar 2026

Ist Protein schlecht für die Nieren? Was die Wissenschaft wirklich sagt

"Zu viel Protein schadet den Nieren" ist einer der hartnäckigsten Ernährungsmythen. Wir prüfen die Studienlage: 4 Meta-Analysen, über 150.000 Teilnehmer, die offizielle DGE-Position und die Wahrheit über Hyperfiltration.

Ist Protein schlecht für die Nieren? Wissenschaftliche Analyse

Das Wichtigste in Kürze

  • Keine Meta-Analyse hat Nierenschäden bei gesunden Menschen durch hohe Proteinzufuhr gefunden
  • DGE Umbrella Review 2023: Für keinen Nieren-Endpunkt überzeugende Evidenz für Schäden
  • Hyperfiltration (GFR-Anstieg) ist eine normale physiologische Anpassung, kein Nierenschaden
  • EFSA hat keine Obergrenze für Protein definiert. Studien testeten bis zu 3,3 g/kg/Tag ohne Schaden
  • Bei vorbestehender Nierenerkrankung (CKD) gelten andere Regeln: KDIGO empfiehlt 0,8 g/kg/Tag

Die Evidenzlage: Was sagen die Meta-Analysen?

Die Behauptung "Protein schadet den Nieren" lässt sich anhand der verfügbaren wissenschaftlichen Literatur klar bewerten. Vier große Meta-Analysen und systematische Reviews haben die Frage in den letzten 10 Jahren untersucht.

Meta-Analysen zu Protein & Nierenfunktion

Alle großen Reviews kommen zum gleichen Ergebnis

Devries et al. 2018Kein Schaden
1.358 Teilnehmer28 Studien

Kein Unterschied in GFR

Van Elswyk et al. 2018Kein Schaden
2.600 Teilnehmer26 Studien

Normale Nierenfunktion

Schwingshackl 2014Kein Schaden
2.160 Teilnehmer30 Studien

GFR-Anstieg = Adaptation

Cheng et al. 2024Kein Schaden
148.051 Teilnehmer6 Studien

CKD-Risiko sogar geringer

Gesamtergebnis: Über 154.000 Teilnehmer in 90 Studien. Keine einzige Meta-Analyse fand Nierenschäden bei gesunden Menschen.

Die größte und neueste Meta-Analyse (Cheng et al. 2024) umfasst 148.051 Teilnehmer aus 6 prospektiven Kohortenstudien mit 8.746 CKD-Fällen. Das Ergebnis: Höhere Proteinzufuhr war mit einem um 18% geringeren CKD-Risiko assoziiert. Pflanzliches Protein zeigte sogar eine Risikoreduktion von 23%.

Zentrale Erkenntnis:

Devries et al. (2018) analysierten 28 randomisierte kontrollierte Studien mit 1.358 Teilnehmern. Ergebnis: Die Veränderung der GFR unterschied sich nicht zwischen Gruppen mit hoher vs. normaler Proteinzufuhr. Stuart Phillips (McMaster University), einer der führenden Proteinforscher weltweit, ist Senior-Autor dieser Studie.

Deutschland im Fokus: DGE-Position 2023

DE

DGE Umbrella Review: Die offizielle Position

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat 2023 einen umfassenden Umbrella Review zur Frage "Wie wirken hohe Proteinmengen auf die Nierengesundheit?" veröffentlicht. Das Ergebnis:

  • 9 systematische Reviews analysiert (6 mit Meta-Analysen)
  • Proteinzufuhr von 1,0 bis 3,3 g/kg/Tag untersucht
  • Für keinen Endpunkt überzeugende Evidenz für Schäden gefunden
  • Kein erhöhtes Nierensteinrisiko bei hoher Proteinzufuhr

"Für die meisten der untersuchten Endpunkte ergab sich kein Zusammenhang mit einer höheren Proteinzufuhr."

— DGE Pressemitteilung, 2023

Der DGE-Review (Remer et al. 2023, publiziert im European Journal of Nutrition) bewertete die Veränderungen der Nierenmarker als "wahrscheinlich physiologische (regulatorische), nicht pathometabolische Reaktionen". Mit anderen Worten: Der Körper passt sich an mehr Protein an, so wie er sich an Sport anpasst.

DGE-Referenzwert (19-65 J.)

0,8

g/kg Körpergewicht/Tag

DGE-Referenzwert (ab 65 J.)

1,0

g/kg Körpergewicht/Tag

DGE-Präsident Prof. Bernhard Watzl betonte, dass Langzeitstudien über Jahrzehnte fehlen. Das ist ein valider Punkt. Die vorhandene Evidenz (Studien bis 12 Monate Dauer) zeigt aber konsistent: Kein Schaden bei gesunden Nieren.

Was ist Hyperfiltration? Der größte Irrtum

Die Angst vor Protein und Nierenschäden geht auf eine Hypothese von Brenner et al. (1982) zurück, publiziert im New England Journal of Medicine. Die Idee: Hohe Proteinzufuhr erhöht den Druck in den Glomeruli (Filtereinheiten der Niere) und führt zu "Hyperfiltration". Langfristig könnte das die Nieren schädigen.

Das Problem: Die Studien, auf denen Brenner seine Hypothese aufbaute, untersuchten größtenteils Patienten mit bereits geschädigten Nieren, nicht gesunde Menschen. Die Übertragung auf gesunde Nieren war eine Extrapolation.

Hyperfiltration = normale Anpassung

Vergleich: GFR-Anstieg durch Protein vs. Herzfrequenz bei Sport

🫘
Niere nach Protein
GFR in Ruhe~100 ml/min
GFR nach Proteinmahlzeit~115-130 ml/min

Normale Adaptation, kein Schaden

❤️
Herz bei Sport
Puls in Ruhe~70 bpm
Puls beim Laufen~150 bpm

Normale Adaptation, kein Schaden

Quelle: Martin, Armstrong & Rodriguez, 2005 (Nutrition & Metabolism)

Martin, Armstrong & Rodriguez fassten es 2005 zusammen: "Wir finden keine signifikante Evidenz für einen schädlichen Effekt hoher Proteinzufuhr auf die Nierenfunktion bei gesunden Personen." Der GFR-Anstieg nach Proteinzufuhr ist eine funktionelle Adaptation, keine Überlastung.

"We find no significant evidence for a detrimental effect of high protein intakes on kidney function in healthy persons."

— Martin, Armstrong & Rodriguez, 2005 (Nutrition & Metabolism, PMID: 16174292)

Die Analogie verstehen:

Beim Sport steigt die Herzfrequenz von 70 auf 150+ bpm. Niemand würde behaupten, Sport schade dem Herzen. Beim Proteinverzehr steigt die GFR um 15-30%. Das ist die gleiche Art von Arbeitsreaktion. Beide Organe sind dafür gebaut, unter Belastung mehr zu leisten.

Die Marker verstehen: GFR, Kreatinin & Cystatin C

Ein häufiges Missverständnis: "Mein Kreatinin ist erhöht, also schädigt Protein meine Nieren." In Wirklichkeit ist es komplizierter. Nicht jede Veränderung eines Nierenmarkers bedeutet Schaden.

Nierenmarker: Was Proteinzufuhr wirklich beeinflusst

Nicht jede Veränderung bedeutet Schaden

GFR(Glomeruläre Filtrationsrate)
Steigt bei Protein

Normaler Anstieg = mehr Arbeit, kein Schaden

✓ Zuverlässiger Marker
Kreatinin(Serum-Kreatinin)
Steigt bei Protein

Steigt durch Proteinabbau, NICHT durch Nierenschaden

⚠ Bei hoher Proteinzufuhr verfälscht
Cystatin C(Serum-Cystatin C)
Unverändert

Nicht beeinflusst von Ernährung, genauester Marker

✓ Zuverlässiger Marker
BUN(Blut-Harnstoff-Stickstoff)
Steigt bei Protein

Normales Abbauprodukt, allein kein Schadensindikator

⚠ Bei hoher Proteinzufuhr verfälscht

Quelle: Tangri et al. 2011 (Kidney International, PMID: 20980977)

Eine Schlüsselstudie von Tangri et al. (2011, Kidney International) zeigte: Senkung der Proteinzufuhr reduzierte Serum-Kreatinin, hatte aber keinen Einfluss auf Cystatin C. Das bedeutet: Der Kreatinin-Anstieg bei hoher Proteinzufuhr kommt vom Proteinabbau selbst, nicht von einer verminderten Nierenfiltration.

Für Sportler besonders relevant:

Trainierte Personen mit hoher Muskelmasse und hoher Proteinzufuhr haben natürlich höhere Kreatininwerte. Das ist kein Zeichen von Nierenproblemen. Falls dein Arzt besorgt ist: Bitte um eine Cystatin C-Messung. Dieser Marker wird nicht von Ernährung oder Muskelmasse beeinflusst.

Wie viel Protein ist sicher?

Proteinzufuhr im Vergleich (g/kg Körpergewicht/Tag)

Von DGE-Referenzwert bis wissenschaftlich getestet

DGE-Empfehlung0.8 g/kg • Referenzwert
DGE ab 65 Jahren1 g/kg • Erhöhter Bedarf
Durchschnitt in DE1.2 g/kg • Tatsächliche Zufuhr
ISSN für Sportler2 g/kg • 1,4-2,0 g/kg
Antonio et al. Studie3.3 g/kg • 12 Monate, kein Schaden

Wichtig: Die EFSA hat keine Obergrenze (UL) für Protein definiert, da die Datenlage für eine sichere Grenze nicht ausreicht.

Die kurze Antwort: Für gesunde Menschen hat keine Institution eine Obergrenze definiert. Die EFSA konnte keinen Tolerable Upper Intake Level (UL) für Protein festlegen, weil die Datenlage dafür nicht ausreicht. Das bedeutet nicht, dass es keine Grenze gibt, sondern dass die Wissenschaft bisher keine gefunden hat.

OrganisationEmpfehlungZielgruppe
DGE0,8 g/kg/TagErwachsene 19-65 J.
DGE1,0 g/kg/TagErwachsene ab 65 J.
EFSA0,83 g/kg/Tag (PRI)Allgemeinbevölkerung
ISSN1,4-2,0 g/kg/TagTrainierende Personen
EFSA ObergrenzeNicht definiertKeine ausreichende Evidenz

Die längste kontrollierte Studie zu sehr hoher Proteinzufuhr (Antonio et al. 2016) untersuchte trainierte Männer bei 3,3 g/kg/Tag über 12 Monate. BUN, Kreatinin, eGFR und BUN/Kreatinin-Ratio blieben durchgehend im Normbereich. Keine Veränderung bei Nierenfunktion, Leberwerten oder Blutfetten.

Wann Protein WIRKLICH ein Problem ist

Wichtige Einschränkung

Alles bisher Gesagte gilt für gesunde Nieren. Bei vorbestehender chronischer Nierenerkrankung (CKD) gelten andere Regeln.

Wenn du eine Nierenerkrankung hast oder vermutest, sprich unbedingt mit deinem Arzt, bevor du deine Proteinzufuhr veränderst.

KDIGO-Leitlinie 2024: Die internationale Empfehlung

Die KDIGO (Kidney Disease: Improving Global Outcomes) hat 2024 ihre aktualisierte Leitlinie veröffentlicht. Für Patienten mit CKD Stadium 3-5:

CKD Stadium 3-5

0,8

g Protein/kg/Tag (Empfehlungsgrad 2C)

Hochrisikopatienten

0,3-0,4

g/kg/Tag + essenzielle Aminosäuren

Bei CKD ist die Niere bereits geschädigt. Eine zusätzliche Filtrationsbelastung durch viel Protein kann den Krankheitsverlauf beschleunigen. Die Brenner-Hypothese trifft hier tatsächlich zu, weil die Reservekapazität der Niere bereits eingeschränkt ist.

Wer sollte aufpassen?

  • • Personen mit diagnostizierter CKD (jedes Stadium)
  • • Diabetiker mit Nierenbeteiligung (diabetische Nephropathie)
  • • Personen mit nur einer funktionierenden Niere
  • • Erblich bedingte Nierenerkrankungen (z.B. Zystennieren)

Spielt die Proteinquelle eine Rolle?

Die neueste Evidenz (Cheng et al. 2024) zeigt einen interessanten Unterschied zwischen Proteinquellen. In der großen Kohortenstudie mit 148.051 Teilnehmern war pflanzliches Protein mit der stärksten Risikoreduktion für CKD assoziiert.

CKD-Risiko nach Proteinquelle

Cheng et al. 2024: 148.051 Teilnehmer, 8.746 CKD-Fälle

Pflanzliches Protein-23% Risiko (RR 0.77)
Gesamtprotein-18% Risiko (RR 0.82)
Tierisches Protein-14% Risiko (RR 0.86)

Überraschend: Höhere Proteinzufuhr war mit einem geringeren CKD-Risiko assoziiert. Pflanzliches Protein zeigte den stärksten Schutzeffekt.

Quelle: Frontiers in Nutrition, 2024 (DOI: 10.3389/fnut.2024.1408424)

Ko et al. (2020, JASN) argumentieren aus nephrologischer Perspektive, dass pflanzliches Protein gegenüber tierischem bevorzugt werden sollte. Sie fanden, dass der Ersatz einer Portion rotes Fleisch durch Hülsenfrüchte das CKD-Risiko um 31-62% reduzieren könnte.

Und Whey Protein?

Für Whey Protein speziell gibt es keinen Hinweis, dass es die Nieren anders beeinflusst als andere hochwertige Proteinquellen. Der entscheidende Faktor ist die Gesamtproteinzufuhr, nicht die spezifische Quelle. Whey ist ein Milchprodukt und fällt damit weder in die Kategorie "rotes Fleisch" noch in "pflanzlich".

Praxis-Tipp:

Für die Nierengesundheit spielt die Proteinquelle eine untergeordnete Rolle, solange du gesunde Nieren hast. Willst du optimieren: Mische Whey mit pflanzlichen Quellen und iss viel Gemüse und Obst. Die Gesamternährung zählt mehr als einzelne Proteinquellen.

FAQ: Häufig gestellte Fragen

Schadet Protein den Nieren?

Nein, bei gesunden Menschen nicht. Meta-Analysen mit über 150.000 Teilnehmern zeigen keinen negativen Effekt auf die Nierenfunktion. Die DGE bestätigt: Für keinen der untersuchten Endpunkte ergab sich ein überzeugender Zusammenhang mit hoher Proteinzufuhr.

Wie viel Protein pro Tag ist sicher für die Nieren?

Die EFSA hat keine Obergrenze für Protein definiert. Studien haben bis zu 3,3 g/kg Körpergewicht pro Tag über 12 Monate untersucht, ohne Nierenschäden festzustellen. Die DGE empfiehlt 0,8 g/kg/Tag als Referenzwert, die ISSN 1,4-2,0 g/kg/Tag für Sportler.

Was ist Hyperfiltration und ist sie gefährlich?

Hyperfiltration beschreibt den Anstieg der glomerulären Filtrationsrate (GFR) nach Proteinzufuhr. Das ist eine normale physiologische Anpassung, vergleichbar mit dem Anstieg der Herzfrequenz bei Sport. Bei gesunden Nieren ist das kein Zeichen von Schaden.

Muss ich bei Nierenerkrankung Protein reduzieren?

Ja. Bei chronischer Nierenerkrankung (CKD Stadium 3-5) empfiehlt die KDIGO-Leitlinie 2024 eine Begrenzung auf 0,8 g Protein pro kg Körpergewicht pro Tag. Sprich unbedingt mit deinem Arzt über die richtige Proteinmenge.

Was empfiehlt die DGE zur Proteinzufuhr?

Die DGE empfiehlt 0,8 g/kg/Tag für Erwachsene und 1,0 g/kg/Tag ab 65 Jahren. In ihrem Umbrella Review 2023 stellte die DGE fest, dass für keinen Nieren-Endpunkt eine überzeugende Evidenz für Schäden durch hohe Proteinzufuhr gefunden wurde.

Fazit: Die Wissenschaft ist eindeutig

Die 5 wichtigsten Erkenntnisse

  1. 1Gesunde Nieren vertragen viel Protein: Keine Meta-Analyse hat Nierenschäden bei gesunden Menschen gefunden. Über 154.000 Studienteilnehmer bestätigen das.
  2. 2DGE bestätigt: Der Umbrella Review 2023 fand für keinen Nieren-Endpunkt überzeugende Evidenz für Schäden durch hohe Proteinzufuhr.
  3. 3Hyperfiltration ist normal: Der GFR-Anstieg nach Protein ist eine physiologische Anpassung, kein Nierenschaden. Wie Herzfrequenzanstieg bei Sport.
  4. 4Keine Obergrenze definiert: Weder EFSA noch DGE konnten eine sichere Obergrenze für Protein festlegen. Studien testeten bis 3,3 g/kg/Tag über 12 Monate.
  5. 5CKD ist die Ausnahme: Bei bestehender Nierenerkrankung gelten andere Regeln. Die KDIGO-Leitlinie 2024 empfiehlt 0,8 g/kg/Tag für CKD 3-5.

Bottom Line

Wenn du gesunde Nieren hast, kannst du dein Proteinpulver bedenkenlos konsumieren. Die Behauptung "Protein schadet den Nieren" basiert auf einer 40 Jahre alten Hypothese, die an kranken Nieren entwickelt wurde. Vier Meta-Analysen, die DGE und die EFSA sagen: Bei gesunden Menschen gibt es keinen Grund zur Sorge.

Quellen & Studien

Meta-Analysen & Systematische Reviews

Deutsche Quellen & DGE

Internationale Leitlinien

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