WissenschaftDeutschland-Fokus15 min Lesezeit17. Februar 2026

Protein im Alter: Warum du ab 50 deutlich mehr brauchst (und die DGE zu wenig empfiehlt)

Ab 50 verlierst du ohne Gegensteuern jeden Monat Muskelmasse. Die Forschung ist eindeutig: Der Proteinbedarf steigt mit dem Alter und ältere Muskeln brauchen mehr pro Mahlzeit. Die DGE hat 2023 reagiert, aber ihre Empfehlung bleibt hinter dem internationalen Forschungsstand zurück. Was anabole Resistenz bedeutet, warum 1,0 bis 1,2 g/kg nur ein Anfang ist, und wie viel du wirklich brauchst.

Protein im Alter: Senioren und Proteinbedarf ab 50

Das Wichtigste in Kürze

  • Ab 50 verlierst du 8-15 % Muskelmasse pro Dekade, deutlich mehr als in jungen Jahren
  • Die DGE hat 2023 die Empfehlung für 65+ auf 1,0-1,2 g/kg/Tag angehoben, bleibt damit aber hinter ESPEN und ISSN zurück
  • Anabole Resistenz: Ältere Muskeln brauchen 35-40 g Protein pro Mahlzeit statt 20 g
  • Proteinverteilung über den Tag ist genauso wichtig wie die Gesamtmenge: jede Hauptmahlzeit mit 30-40 g
  • Krafttraining und ausreichend Protein: Die einzige bewiesene Kombination gegen Sarkopenie

Sarkopenie: Was im Alter wirklich passiert

Sarkopenie ist der altersbedingte, fortschreitende Verlust von Skelettmuskelmasse und -funktion. Nach der aktuellen Definition der European Working Group on Sarcopenia in Older People (EWGSOP2, 2019) gilt sie als eigenständige Muskelerkrankung mit direkten Folgen für Mobilität, Sturzrisiko und Lebensqualität.

Der Muskelabbau beginnt schon ab etwa 30 Jahren, ist in der ersten Dekade aber kaum spürbar. Nach 50 beschleunigt sich der Prozess deutlich:

Kumulativer Muskelmasseverlust nach Lebensdekade

Verglichen mit dem individuellen Höchstwert (ca. 30. Lebensjahr)

30–40 Jahrebis -3%
40–50 Jahrebis -5%
50–60 Jahrebis -12%
60–70 Jahrebis -20%
70–80 Jahrebis -30%

Quellen: Cruz-Jentoft et al., 2019 (PMID: 30312372); Janssen et al., 2000 (PMID: 11071586)

In absoluten Zahlen: Ein 70-jähriger Mann hat im Schnitt 25 bis 30 % weniger Muskelmasse als mit 30 Jahren. Bei Frauen ist der Verlust ähnlich, aber die Wechseljahre setzen einen zusätzlichen Beschleuniger. Nach dem 70. Lebensjahr verlieren inaktive Menschen 1 bis 2 % Muskelmasse pro Jahr.

Sarkopenie in Deutschland: Schätzungen gehen davon aus, dass 10 bis 27 % der über 65-Jährigen betroffen sind. Bei Pflegeheimbewohnern steigt die Prävalenz auf 30 bis 50 %. Die gesellschaftlichen Kosten durch Stürze, Krankenhausaufenthalte und Pflegebedarf sind erheblich.

Warum Protein entscheidend ist

Muskeln werden kontinuierlich auf- und abgebaut. Im Alter kippt diese Balance zugunsten des Abbaus — es sei denn, du lieferst dem Körper genug Baumaterial (Protein) und den richtigen Reiz (Krafttraining). Ohne beides schreitet die Sarkopenie ungebremst voran.

DGE 2023: Ein Schritt vorwärts, aber nicht weit genug

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat 2023 ihre Referenzwerte für Protein überarbeitet und die Empfehlung für Personen ab 65 Jahren von 0,8 auf 1,0 bis 1,2 g/kg/Tag angehoben. Das ist ein Fortschritt, kam aber spät: ESPEN (European Society for Clinical Nutrition and Metabolism) hatte bereits 2017 dieselben Werte empfohlen.

DE

DGE 2023: Was sich geändert hat

DGE bis 2023 (alle Erwachsenen)

0,8

g/kg/Tag

DGE seit 2023 (65+ J.)

1,0-1,2

g/kg/Tag

Warum 1,0 bis 1,2 g/kg nicht genug ist

Die DGE-Werte liegen am unteren Ende dessen, was die internationale Forschung empfiehlt. ESPEN empfiehlt für ältere Erwachsene mit Erkrankungen 1,2 bis 1,5 g/kg, für kritisch Kranke sogar 1,5 bis 2,0 g/kg. Die ISSN setzt für aktive Senioren 1,4 bis 2,0 g/kg an. Die DGE-Empfehlung von 1,0 bis 1,2 g/kg ist damit ein Minimum, kein Zielwert.

Proteinempfehlungen im Überblick (g/kg Körpergewicht/Tag)

DGE, ESPEN und ISSN im Vergleich

DGE — Erwachsene (18–65 J.)(Mindestversorgung)0.8 g/kg
DGE — Senioren (65+ J.)(Aktualisiert 2023)1–1.2 g/kg
ESPEN — 65+ gesund1–1.2 g/kg
ESPEN — 65+ mit Erkrankung1.2–1.5 g/kg
ESPEN — kritisch krank1.5–2 g/kg
Sportler 65+ (ISSN)1.4–2 g/kg
0
1,0
2,0 g/kg

Quellen: DGE Referenzwerte 2023; Cederholm et al., ESPEN 2017 (PMID: 28139491); Jäger et al., ISSN 2017 (PMID: 28642676)

Auch 0,8 g/kg für jüngere Erwachsene steht in der Kritik

Die DGE empfiehlt für 18- bis 65-Jährige weiterhin 0,8 g/kg/Tag. Dieser Wert basiert auf Stickstoffbilanz-Studien und beschreibt die Menge, die nötig ist, um keinen Mangel zu erleiden. Er sagt nichts über die optimale Menge für Muskelerhalt, Sättigung oder Körperkomposition aus. Viele Forscher halten 1,2 bis 1,6 g/kg auch für jüngere Erwachsene für sinnvoller.

Was das in Gramm bedeutet

Bei einer 70 kg schweren Person ab 65 Jahren ergibt sich nach DGE ein täglicher Proteinbedarf von 70 bis 84 g. Wer aktiv ist oder Muskelmasse aufbauen will, sollte eher 98 bis 112 g (1,4 bis 1,6 g/kg) anpeilen. Deutsche Ernährungserhebungen (NVS II) zeigen, dass besonders ältere Männer und Frauen selbst die konservative DGE-Menge häufig nicht erreichen.

Körpergewicht0,8 g/kg (DGE <65)1,0-1,2 g/kg (DGE 65+)1,4-1,6 g/kg (Forschung)
60 kg48 g60-72 g84-96 g
70 kg56 g70-84 g98-112 g
80 kg64 g80-96 g112-128 g
90 kg72 g90-108 g126-144 g

"Für Personen im höheren Lebensalter erscheint eine Proteinzufuhr von 1,0 bis 1,2 g/kg Körpergewicht pro Tag als sinnvoll."

— Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Referenzwerte 2023. ESPEN und ISSN empfehlen für aktive Ältere deutlich mehr.

Anabole Resistenz: Warum dieselbe Menge nicht mehr reicht

Der zentrale Mechanismus hinter dem erhöhten Proteinbedarf im Alter heißt anabole Resistenz. Er erklärt, warum ältere Menschen auf dieselbe Proteinmenge schwächer mit Muskelaufbau reagieren als jüngere.

Was passiert im Muskel?

Wenn Protein verdaut wird, steigen die Aminosäurenspiegel im Blut. Das triggert über den mTOR-Signalweg die Muskelproteinsynthese (MPS). Bei jungen Menschen reicht eine Mahlzeit mit 20 g Protein, um diesen Prozess zu maximieren. Bei älteren Menschen läuft derselbe Signalweg träger. Es braucht mehr Aminosäuren, um denselben Effekt zu erzielen. Studien von Moore et al. (2015) und Witard et al. (2014) zeigen: Ab 65 braucht der Körper 35 bis 40 g Protein pro Mahlzeit für dieselbe Aufbauwirkung, die ein 25-Jähriger mit 20 g erreicht.

Anabole Resistenz: Proteinbedarf pro Mahlzeit

Für dieselbe Muskelproteinsynthese-Antwort

20 g
Referenz
25-Jährige
35–40 g
+75–100%
65-Jährige

Ältere Muskeln brauchen 75 bis 100 % mehr Protein pro Mahlzeit für dieselbe Aufbauwirkung

Quellen: Moore et al., 2015 (PMID: 25902422); Witard et al., 2014 (PMID: 24284442)

Praktische Konsequenz: Proteinverteilung

Die anabole Resistenz hat eine wichtige praktische Konsequenz: Es reicht nicht, die tägliche Gesamtmenge zu erhöhen. Die Verteilung über den Tag spielt eine ebenso große Rolle. Wer 90 g Protein isst, aber 10 g zum Frühstück, 20 g zu Mittag und 60 g abends, verschenkt einen Großteil des anabolen Potenzials.

Frühstück

30-40 g

Protein

Mittagessen

30-40 g

Protein

Abendessen

30-40 g

Protein

Jede Hauptmahlzeit sollte mindestens 30 bis 40 g Protein enthalten. Das ist für die meisten Menschen eine deutliche Erhöhung, besonders beim Frühstück. Proteinshakes können hier praktisch helfen, zum Beispiel im Porridge oder als Shake zur Mahlzeit.

Wechseljahre und Muskelabbau

Frauen erleben in der Perimenopause und danach einen beschleunigten Muskelverlust, der über die normale altersbedingte Sarkopenie hinausgeht. Der Grund liegt im Östrogen.

Östrogen schützt die Muskulatur

Östrogen erfüllt im Muskel mehrere Schutzfunktionen: Es reduziert oxidativen Stress im Muskelgewebe, fördert die Aktivierung von Satellitenzellen (Stammzellen des Muskels), die für Reparatur und Wachstum verantwortlich sind, und hemmt entzündliche Signalwege, die Muskelabbau begünstigen. Das zeigen Arbeiten von Tiidus et al. (2011) und Sipilä et al. (2021).

Mit dem Östrogenabfall in der Menopause fallen diese Schutzmechanismen weg. Postmenopausale Frauen verlieren bei Inaktivität und unzureichender Proteinzufuhr bis zu 2 % Muskelmasse pro Jahr. In einer 10-jährigen Periode nach der Menopause kann das einen Verlust von bis zu 20 % bedeuten.

Knochengesundheit mitgedacht

Protein ist nicht nur für Muskeln wichtig: Eine Meta-Analyse von Shams-White et al. (2017, PMID: 28404575) in der American Journal of Clinical Nutrition zeigte, dass höhere Proteinzufuhr mit besserer Knochendichte assoziiert ist. Für Frauen nach der Menopause, deren Osteoporoserisiko ohnehin erhöht ist, ein relevanter Zusatznutzen.

Was Frauen in dieser Phase konkret tun können

1

Proteinzufuhr erhöhen

Mindestens 1,2 g/kg/Tag, bei aktivem Krafttraining bis 1,6 g/kg/Tag. Besonders wichtig: jede Hauptmahlzeit mit mindestens 30 g Protein.

2

Krafttraining priorisieren

Widerstandstraining ist der wirksamste Reiz, um die Muskelproteinsynthese auch im Alter noch ausreichend zu stimulieren. 2 bis 3 Einheiten pro Woche, progressiv gesteigert.

3

Hochwertige Proteinquellen wählen

Whey, Eier, Fleisch und Fisch liefern vollständige Aminosäureprofile. Pflanzliche Quellen (Hülsenfrüchte, Soja) sind eine gute Ergänzung, am besten in Kombination.

4

Kalorien nicht zu stark reduzieren

Starke Kaloriendefizite beschleunigen Muskelverlust. Bei Gewichtsreduktion: Protein hoch halten, Defizit moderat (max. 500 kcal/Tag).

Wie viel Protein? Empfehlungen konkret

Die Empfehlungen verschiedener Fachgesellschaften sind inzwischen weitgehend konsistent: DGE, ESPEN und ISSN empfehlen für ältere Erwachsene deutlich mehr als die bisherigen 0,8 g/kg/Tag.

OrganisationZielgruppeg/kg/Tag
DGE18–65 Jahre0,8
DGE (2023)65+ Jahre1,0–1,2
ESPEN65+ gesund1,0–1,2
ESPEN65+ mit Erkrankung1,2–1,5
ESPENKritisch krank1,5–2,0
ISSNAktive Sportler 65+1,4–2,0

Ist viel Protein sicher für ältere Erwachsene?

Für Menschen mit gesunden Nieren: Ja. Eine Meta-Analyse von Devries et al. (2018, PMID: 30383278) untersuchte 28 randomisierte kontrollierte Studien und fand keine negative Wirkung von erhöhter Proteinzufuhr auf die Nierenfunktion bei gesunden Erwachsenen. Antonio et al. (2016, PMID: 27807480) beobachteten über ein Jahr lang keine Nierenschäden bei Sportlern mit 3,3 g/kg/Tag.

Bei bestehender Nierenerkrankung (CKD) gelten andere Regeln. Hier sollte die Proteinmenge mit dem behandelnden Arzt abgestimmt werden. Ohne vorbestehende Einschränkung ist erhöhte Proteinzufuhr für ältere gesunde Erwachsene sicher.

Proteinquellen priorisieren

Tierische Quellen (Whey, Eier, Fleisch, Fisch) liefern vollständige Aminosäureprofile und sind für Muskelaufbau bevorzugt. Wer sich pflanzlich ernährt, sollte Quellen kombinieren (Hülsenfrüchte und Getreide) und auf ausreichende Gesamtmenge pro Mahlzeit achten.

FAQ: Häufig gestellte Fragen

Wie viel Protein brauchen Senioren ab 65 pro Tag?

Die DGE empfiehlt seit 2023 für Personen ab 65 Jahren 1,0 bis 1,2 g pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Das ist ein Minimum. ESPEN empfiehlt für Ältere mit Erkrankungen 1,2 bis 1,5 g/kg, die ISSN für aktive Senioren 1,4 bis 2,0 g/kg. Bei 70 kg und aktiver Lebensweise sind 98 bis 112 g pro Tag sinnvoll.

Was ist anabole Resistenz?

Ab etwa 50 Jahren reagiert die Muskulatur schwächer auf Protein. Dieselbe Menge löst weniger Muskelproteinsynthese aus als bei jüngeren. Ein 65-Jähriger braucht 35 bis 40 g Protein pro Mahlzeit, um denselben anabolen Effekt wie ein 25-Jähriger mit 20 g zu erzielen.

Reicht die DGE-Empfehlung von 1,0-1,2 g/kg für Senioren?

Die DGE-Empfehlung ist ein Fortschritt gegenüber den früheren 0,8 g/kg, liegt aber am unteren Rand der internationalen Empfehlungen. ESPEN und ISSN empfehlen für aktive oder kranke Ältere deutlich mehr. Wer Muskelmasse erhalten oder aufbauen will, sollte die DGE-Werte als Untergrenze betrachten.

Wie schnell schreitet Sarkopenie voran?

Nach dem 30. Lebensjahr verliert man zunächst 3 bis 5 % Muskelmasse pro Dekade. Nach dem 50. Lebensjahr beschleunigt sich der Abbau auf 8 bis 15 % pro Dekade. Bis 80 kann die Muskelmasse um 30 bis 40 % gegenüber dem Höchstwert gesunken sein.

Kann Sarkopenie rückgängig gemacht werden?

Teilweise. Die Kombination aus Krafttraining und erhöhter Proteinzufuhr kann den Muskelschwund verlangsamen und in vielen Fällen Muskelmasse zurückgewinnen. Studien zeigen messbare Verbesserungen auch noch mit 70 oder 80 Jahren.

Fazit: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Die 5 wichtigsten Erkenntnisse

  1. 1Muskelverlust ist real und messbar: Ab 50 verlierst du 8-15 % Muskelmasse pro Dekade. Das ist kein unvermeidliches Schicksal, aber ein Problem, das aktives Gegensteuern erfordert.
  2. 2Die DGE-Empfehlung ist ein Anfang, kein Ziel: Die DGE hat 2023 auf 1,0-1,2 g/kg/Tag für 65+ angehoben. Das war überfällig und bleibt konservativ. ESPEN und ISSN empfehlen für aktive Ältere 1,4 bis 2,0 g/kg.
  3. 3Verteilung über den Tag entscheidet: Nicht nur die Gesamtmenge zählt. Wegen anaboler Resistenz sollte jede Hauptmahlzeit 30-40 g Protein enthalten.
  4. 4Frauen in den Wechseljahren besonders betroffen: Der Östrogenabfall beschleunigt den Muskelverlust. Höhere Proteinzufuhr und Krafttraining sind gerade in dieser Phase besonders wichtig.
  5. 5Krafttraining ist unverzichtbar: Protein allein reicht nicht. Ohne mechanischen Reiz durch Widerstandstraining bleibt die anabole Reaktion aus. Beides zusammen ist die einzige bewiesene Kombination.

Bottom Line

Wenn du 50 oder älter bist: Orientiere dich nicht nur an der DGE-Mindestempfehlung. Strebe mindestens 1,2 g/kg/Tag an, bei aktivem Training eher 1,4 bis 1,6 g/kg. Verteile das Protein über drei Mahlzeiten mit je 30 bis 40 g, und mach Krafttraining. Das ist die einzige Kombination, die gegen Sarkopenie wirkt.

Quellen & Studien

Deutsche Behörden & Leitlinien

Internationale Leitlinien

Anabole Resistenz & Proteinbedarf pro Mahlzeit

Wechseljahre & Östrogen

Sicherheit & Nieren

Proteinpulver für Senioren finden?

Vergleiche über 500 Proteinpulver nach Proteingehalt, Preis und Nährwerten. Alle Produkte in Deutschland erhältlich.

Weiterführende Artikel

Passende Rankings